STIMME von und für Minderheiten # 52

Kanakische Identitätspolitik und post-/koloniale (Un-)Ordnung
von Kien Nghi Ha

Selbst-Kanakisierung als strategische Diskurspolitik geht von der zentralen Einsicht aus, dass rassistisch Marginalisierte von der Dominanzkultur als "Kanaken" konstruiert werden. Bei der Aneignung und Umkehrung des Kanakendiskurses geht es daher gerade nicht um eine freie Identitätswahl, sondern darum, ein aufgezwungenes Selbstbild zu unterlaufen

     
 

In der Geschichte kanakischer Identitätskonstruktionen vermischt sich die Globalisierungsgeschichte der Kolonialisierung mit den Geschichten widerständiger Selbstinszenierungen. Es ist diese uneindeutige Doppelbewegung in der historischen Dynamik identitärer Fremd- und Selbstzuschreibungen, wodurch Benennungen sowohl als Praktiken der kolonialrassistischen Herrschaft als auch der Selbst-Ermächtigung fungieren können. Eine Reihe historischer Entwicklungen weisen darauf hin, dass das umkämpfte Terrain der Identität nicht nur das Ziel, sondern auch die gemeinsame Ausgangsbasis für politischen Aktivismus von People of Colour darstellt.

Selbstbenennung als Strategie
Durch anti-rassistische Bewegungen wie die Black Power Movement in den USA der 1960er- und 1970er-Jahre konnte erstmals massenhaft ein positiver Bezug zur Schwarzen Identität gebildet werden. Schwarz diente durch diese Brechung nicht mehr länger wie im Rassismus als negatives Symbol. Dieser politische Bewusstwerdungsprozess wurde durch ein populär-kulturelles Umfeld verstärkt, das sich am deutlichsten in Slogans wie "Black is beautiful" und "I'm black and I'm proud" ausdrückte. Aus dieser Um- und Aufwertung von Blackness ging eine radikale Positionierung hervor, deren identitätspolitische Selbstaneignung als gesellschaftlich transformierende Kraft sowohl für die Schwarze Diaspora in Europa als auch für andere kolonialisierte Communities bedeutsam war.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass die indigenen BewohnerInnen der französischen Überseekolonie Neukaledonien ausgerechnet in den rebellischen 1970er-Jahren begannen, sich die abwertende Kolonialbezeichnung "Kanak" anzueignen. Stand diese Identitätsposition bis zu diesem Zeitpunkt für eine durch weiße "Blackbirders" (europäische Menschenjäger) und Kolonialadministration aufgezwungenes Trauma der Deportation und Zwangsarbeit, so verkehrte sich mit der aktivistischen Übernahme und Neusetzung dieser historisch oktroyierten Identitätszuschreibung auch ihre politische und gesellschaftliche Funktion. Aus kolonialen Objekten wurden durch Prozesse der Selbstaneignung postkoloniale Subjekte, die selbstbewusst für die unabhängige Entwicklung ihrer Gesellschaft kämpften und auf diese Weise versuchten, ihre Geschichte neu zu schreiben.

Kanakische Identitätspolitik als Widerstandsperspektive versucht, sich der Macht der Kolonialsprache zu entziehen, indem die Kolonialisierten in Sprechakten sich selbst definieren und damit diskursiv aus ihrem Objektstatus heraustreten. Widerstand wird nicht erst dann praktiziert, wenn explizit Gegenmodelle vertreten werden. Je nachdem, wie die gesellschaftliche Kräftekonstellationen aussehen, welche strategischen Optionen wirkungsvoll erscheinen und welche kulturellen Praktiken zur Verfügung stehen, können die Kolonialisierten sich auch tarnen und die koloniale Anrufung durch Praktiken der Selbstbenennung umkehren. Solche hybriden identitätspolitischen Interventionen reflektieren und überschreiten zugleich die kolonialen Einschreibungen in Geschichte und Gegenwart. Auf Eindeutigkeit basierende rassistische Identitätsmodelle können durch verwirrende Störungen, Bedeutungsverschiebungen und Überschreibungen in Zweifel gezogen, eventuell dekolonialisiert werden. Indem diese subalternen Subjekte die Mitteln ihrer Unterdrückung und Abwertung der kolonialen Autorität entwenden, verwandeln sich diese hochherrschaftlichen Zeichen europäischer Definitionsmacht in identitätspolitische Instrumente des Selbst-Empowerments. Aus Dienenden werden revoltierende Subjekte.

Widersprüche des Rassismus
Wie Homi Bhabha (2000) in seiner Analyse des Kolonialdiskurses erläutert hat, machen sich Mimikry und Hybridisierung als Widerstandsstrategien die Ambivalenz kolonialer Diskurse zunutze. Obwohl koloniale Regime durch territoriale Aufteilungen, gesellschaftliche Herrschaftsanordnungen und Rassenerfindungen faktisch neue soziale, kulturelle und biopolitische Grenzen etablierten, wirkten sich vieler dieser Praktiken auf der anderen Seite als Entgrenzung von Räumen und Identitäten auch zwiespältig aus. So entstand mit der Durchsetzung kolonialer Beziehungen ein voneinander abhängiges Referenzsystem von Bedeutungszuweisungen und gesellschaftlichen Hierarchien, in dem die aufeinander verweisenden Fremd- und Selbstbilder eine ungleiche Beziehung eingingen: Europa und "seine" Anderen, Whiteness und Blackness, Zentrum und Peripherie, nationale Dominanzkultur und "Minderheiten". In diesen Identitätsbildern und Privilegienverteilungen kommt eine gesellschaftliche Konfiguration zum Ausdruck, die sich einerseits durch Machtartikulation und polare Setzung formiert; andererseits auch von einer unvermeidlichen Einbeziehung des Anderen abhängt.

Erst durch die Konstruktion des unterlegenen Anderen war es überhaupt möglich, dominante und marginale Positionen gesellschaftlich zu produzieren. In der rassistischen Identitätspolitik kommt daher die europäische Definitionsmacht zur Sprache, die durch Weiße Phantasmagorien und Bedürfnisse ins Leben gerufen wurde. Für den Rassismus ist es konstitutiv, dass er in einem gegensätzlichen Verhältnis von Abspaltung und Identifikation zum Anderen steht. Daher gehen gewalttätige Diskurse der Vernichtung und Eindämmung immer mit Vereinigungswünschen und Projektionen Hand in Hand – etwa über den "guten Wilden" oder der "armen Migrantin", die man retten muss.

Hybride Grenzüberschreitung
Aus dieser widersprüchlichen Funktionsweise des Rassismus ergibt sich, dass die kolonialrassistische Ausgrenzung wie die damit einhergehende Kontrollmacht niemals total sein können. Das bedeutet auch, dass marginalisierte Subjekte handlungsmächtig sind und die Möglichkeit haben, dominante Narrationen diskursiv zu unterbrechen. Dadurch ist in der gewaltvollen Dynamik der kolonialen Moderne ein Prozess in den Gang gekommen, der als hybride Praxis der Grenzüberschreitung in Erscheinung tritt.

Diese vieldeutige Praxis ist mit einer Verdoppelung und Fragmentierung von Identitäten verbunden, in der die koloniale Autorität mit ihrem unterdrückten Doppelgänger auf der anderen Seite der Geschichte konfrontiert wird. Diese umkämpfte und niemals eindeutige Identität können wir mit dem afro-amerikanischen Soziologen W.E.B. DuBois als eine Form des "double consciousness" bezeichnen. Kanakische Identität speist sich aus diesem grenzwertigen Bewusstsein, weil es einerseits um die kolonialisierende Wirkung seiner Benennungen weiß und andererseits gerade aus dieser intimen Einsicht heraus die Notwendigkeit erkennt, kolonialrassistische Modelle durch Mimikry und Hybridisierung zu verunreinigen und zu verunsichern.

Alle diese Kontexte sind im neorassistischen Alltagsdeutsch in Begriffen wie "Bimbo", "Fidschi" und "Kanaken" präsent. Diese Synonyme fungieren als volkstümliche Chiffre für den biologisch und zivilisatorisch minderwertigen Anderen. Der Begriff "Kanake" entstand etwa, als der in Deutschland tiefverwurzelte Anti-Slawismus gegenüber "Kosaken" und "Polacken" sich mit dem seit der deutschen Kolonialexpansion in den pazifischen Raum gepflegten Mythos des "Kannibalen" verband.

Selbst-Kanakisierung als strategische Diskurspolitik geht von der zentralen Einsicht aus, dass rassistisch Marginalisierte von der Dominanzkultur als "Kanaken" mit all den negativen Abwertungen konstruiert werden. Das heißt, ob sie sich selbst als Kanaken bezeichnen oder nicht, ist letztlich unerheblich, für die deutsche Mehrheitsgesellschaft bleiben sie immer Kanaken. Bei der Aneignung und Umkehrung des Kanakendiskurses geht es daher gerade nicht um eine freie Identitätswahl, sondern darum, ein aufgezwungenes Selbstbild zu unterlaufen.

SprachAttakken
Da Marginalisierte nicht über die Macht verfügen, den fremdbestimmten Kanakendiskurs zu beenden, versuchen sie, innerhalb der rassistischen Diskurse zu intervenieren. Gerade in ihren Anfängen konnte die offensive Übernahme der Selbstdefinitionsmacht für Überraschungseffekte sorgen und zur diskursiven Entschleierung beitragen. In diesen Situationen wurden die Machtansprüche des liberalen Diskurses und die etablierten rassistischen Konventionen mit einer Präsenz konfrontiert, die sich weigert, den ihr zugewiesenen Platz einzunehmen. Indem das kanakische Sprechen über ethnisch-nationale Begrenzungen hinweg geht und identitätspolitische Verbote ignoriert, wird es für die bestehenden Ordnungsmuster der deutschen Gesellschaft gefährlich fremd.

Entgegen dem kosmopolitischen Selbstbild achten die weisungsberechtigten Instanzen und die deutschen Alltagsregulationen sehr sorgfältig auf die Zuschreibung und Bewahrung ethnisierender Differenzierungen. Schließlich bildet die Wiedererkennbarkeit nationalstaatlich produzierter Identitätspositionen die politische Geschäftsgrundlage der westlichen Moderne. Vor dem Hintergrund dieses Ordnungsgefüges lösten die kanakischen Grenzverletzungen des deutschen Reinheitsgebots auf wundervolle Weise verwirrte, oftmals auch aggressive Reaktionen auf deutscher Seite aus, die um Fassung und Kontrolle rangen. Diese unangepassten Identitätsverschiebungen riefen mit ihrer Uneindeutigkeit eine neue Unübersichtlichkeit in der Kartographie identitärer Geopolitik ins Leben. Sie verursachten eine verstörende Unsicherheit und zogen Betriebsunfälle und Kollateralschäden im Zirkus der durchorganisierten Verwaltung nationaler Zugehörigkeiten nach sich. Dadurch konnten sie für kurze Augenblicke den allgegenwärtigen, sich liberal und staatstragend gebenden Rassismus zum Vorschein bringen.

Wie provokant kanakische Selbstinszenierungen für deutsche Gutmenschen in ihren besten Momenten sein können, lässt sich erahnen, wenn wir den Schlagabtausch zwischen Feridun Zaimoğlu und Heide Simonis, Norbert Blüm sowie Wolf Biermann in einer Fernsehtalkshow von Radio Bremen am 8. 5. 1998 verfolgen. Diese Interventionspolitik wirkte verstörend, weil die kanakische Selbstbenennungspraxis die Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden hinterfragt und die eingefleischten Muster der SubordiNation konterkariert. In diesen seltenen Momenten der geglückten Subversion werden aus Sprechakten tatsächlich gesellschaftlich relevante "SprachAttakken" (Ha 2003).

 


Literatur:
Bhabha, Homi K. (2000): Die Verortung der Kultur. Tübingen
Ha, Kien Nghi (2003): Sprechakte – SprachAttakken: Rassismus, Konstruktion kultureller Differenz und Hybridität in einer TV-Talkshow mit Feridun Zaimoğlu. In: Margrit Fröhlich/Astrid Messerschmidt/Jörg Walther (Hg.): Migration als biografische und expressive Ressource. Beiträge zur kulturellen Produktion in der Einwanderungsgesellschaft. Frankfurt a. M.: 123-149

 

Kien Nghi Ha arbeitet als Politikwissenschafter in Berlin und ist Autor von "Ethnizität und Migration Reloaded" (1999/2004) und "Hype um Hybridität" (Frühjahr 2005). Ersteres wird in der nächsten STIMME ausführlich besprochen.